Nachrichten

10-jähriges Bestehen der Kita Schatzkiste
Eingestellt am: 16.02.2011

mehr...

alle anzeigen

Spendenprojekte

Förderverein Kirchenmusik

mehr...

alle anzeigen

Spaziergang durch Nordelbien:

Nordelbien Webring

Mitglieder im Webring

2004 Nr.2


Gemeindebrief

Mitteilungen der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Bad Bramstedt

Juni 2004 - September 2004

Liebe Leserin, lieber Leser,

Björn Matthes
Björn Matthes

    Es war ein normaler Morgen im Zimmer 42 der geschlossenen psy­chi­atrischen Station des Krankenhauses für russische Veteranen des zweiten Weltkrieges in St. Petersburg. Ich war einer von zehn deutschen Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen, die 1994 für drei Wochen dort arbeiteten.

    Andrej saß auf seinem abgewetzten Stuhl mit dem roten, durchlöcherten Plastikbezug, sein Blick ging hinaus durch das vergitterte Fenster. Sein Zimmergenosse Pjotr lag auf seinem Bett und starrte an die Decke. Andrej sagte nichts, als ich mich neben ihn setzte. Er sprach mit niemandem - außer mit sich selbst. Ich hätte ihn auch nicht verstanden, ich verstehe kein Russisch. Erst sah ich ihn an, dann sah ich mit ihm durch das Fenster in den Garten des Krankenhauses. Es war kein schöner Garten, aber in dem Meer von grauem Beton war er wie eine grüne Oase. Wenn man lange genug hinausschaute, nahm man die Gitter vor dem Fenster gar nicht mehr wahr. Im Nebenraum schrie jemand.

    Ich hatte eine Idee: Wir machen einen Ausflug in diesen Garten! Ich bekam die Erlaubnis, für eine halbe Stunde mit Andrej und Pjotr in den Garten zu gehen. Eine Schwester öffnete die schwere Tür. Dann ließ sie uns allein. Wir gingen zuerst durch ein Gewirr von Gängen und Treppenhäusern und dann standen wir in dem Garten. Andrej lächelte, drehte sich langsam im Kreis und begann, das Grün um ihn herum zu genießen. Pjotr war direkter. Er stopfte in Windeseile Blätter in seinen Mund. Andrej legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter und sagte mit ruhiger Stimme: "Njet." Pjotr spukte die Blätter aus, grinste, legte sich ins Gras und blinzelte durch die Zweige in die Sonne. Andrej und ich setzten uns zu ihm. Keiner sagte ein Wort.

    Am nächsten Morgen stürmte Andrej aus seinem Zimmer und winkte mir vom Ende des Ganges zu. Er lachte und rief strahlend: "Hände hoch! Schnell, schnell! Heil Hitler." Ich bekam zuerst einen Schreck, aber dann verstand ich: Andrej freute sich, mich wieder zu sehen. Deshalb rief er mir die Wörter zu, die er während seiner Kriegsgefangenschaft gelernt hatte. Es war die schrecklichste und zugleich herzlichste Begrüßung, die ich je erfahren habe. Auch Pjotr kam aus seinem Zimmer und stellte sich zu Andrej. Ich erlebte es das erste Mal, dass er sein Bett verlassen hatte. Andrej hörte nicht auf zu rufen und so erschienen immer mehr Köpfe aus den Zimmertüren. Andrejs Freude steckte an - und für einen Moment hatte ich den Eindruck, dass es auf dem langen Gang nicht mehr nach Urin und Bohnerwachs roch - sondern nach frischem Gras.

    Liebe Leserin, lieber Leser, nach Weihnachten und Ostern ist die Trinitatiszeit angebrochen, in der wir die Dreifaltigkeit Gottes bedenken: Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist. Was bedeutet das? Ich sehe die drei Noten auf dem Titelblatt. Mit Leben füllen sie sich erst, wenn man sie auf einem Instrument spielt. Die Lehre von der Dreifaltigkeit muss auch "gespielt" werden, damit sie erklingt. Das Instrument dazu sind Geschichten, die davon erzählen, dass Gott uns mit seiner Schöpfung am Leben hält (Vater); dass Gott uns in Jesus annimmt und verzeiht (Sohn); und dass wir diese Nähe Gottes, die unser Leben heil macht, mitten im Alltag erleben können (Heiliger Geist).

    Für mich ist die Geschichte von Andrej und Pjotr so eine Geschichte - was meinen Sie?

Ihr & Euer

Björn Matthes