Liebe Leserin, lieber Leser,

Sabine JungkuhnBis Ende März diesen Jahres kannte ich von Irland nur seine Butter, sein Bier und natürlich seine Segenswünsche, von denen ich vor der Reise noch einige gelesen hatte. Anfang April hatte ich nun das Vergnügen, mit meinen KollegInnen aus dem Vikariat eine Studienfahrt nach Irland unternehmen zu können. Die Insel bezauberte mich durch ihre Landschaft und faszinierte mich durch ihre Geschichte, von der wir einiges gesehen und gehört haben.
Besonders hat mich der Besuch in Glendalough beeindruckt. Der Ort liegt in den irischen Highlands im Norden der Insel in einem Tal. Im 6. Jh. gründete St. Kevin dort ein Mönchskloster, das in den folgenden Jahren und Jahrhunderten für seine Gelehrsamkeit berühmt und schließlich sogar Bischofssitz wurde. Heute sind von der Klosteranlage, mit Ausnahme des Rundturms und einer kleinen Kapelle, nur noch die Ruinen zu sehen.
Wir nahmen an einer informativen Führung durch das Gelände teil. Danach setzte ich mich eine Zeit lang in die Kathedrale, von der nur noch die Außenmauern erhalten sind. Ich saß an die Wand gelehnt, neben der Stelle, an der vor einigen hundert Jahren der prächtige Altar gestanden hatte. Über den verwitterten Mauern strahlte ein blauer Himmel. Durch die Fensteröffnung betrachtete ich die raue Schönheit eines Berges, der in der Nachmittagssonne döste. Fröstelnd zog ich die Jacke ein wenig enger um mich, denn trotz der Sonne wehte der Wind kalt. Ich stellte mir vor, wie das Leben an diesem Ort wohl gewesen sein mochte, als die Kathedrale noch ein Dach gehabt hatte.
Viele Menschen waren von überall aus dem ganzen Land hierher gereist. An Markttagen waren die umliegenden Bauern samt Händlern und Handwerkern gekommen, um ihre Produkte zu verkaufen. Mancher war auf dem Weg zu den Mönchen, um seinen Sohn in die Obhut der Brüder zu geben oder um selbst dort zu bleiben. Manche waren auf der Durchreise und suchten Quartier für ein paar Tage, um sich von den Strapazen einer Pilgerreise zu erholen.
Das Reisen zu dieser Zeit war gefährlich. Ein Wanderer ging meist zu Fuß auf Trampelpfaden bergauf – bergab, musste durch eiskalte Bergbäche waten, über Felsen klettern und seinen Weg vorsichtig durchs Moor suchen. Zu jeder Zeit musste er bereit sein, sich gegen Wölfe oder Räuber zu verteidigen und das bei eiskaltem Regen und peitschendem Wind.
Als ich diese Bilder vor meinem geistigen Auge betrachtete, bekamen all die irischen Segenswünsche, die ich kurz vor meiner Abreise gelesen hatte, plötzlich einen neuen Hintergrund. Ohne all die Annehmlichkeiten unserer Zivilisation wird inmitten dieser Landschaft die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens greifbar.
Heute ist das Reisen nicht mehr so gefährlich wie früher und doch nicht völlig gefahrlos. Motorrad- und Autounfälle, Bus- und Zugunglücke und Flugzeugabstürze fordern immer wieder Menschenleben. Gerade in der sommerlichen Urlaubszeit erdulden wir die Staus auf den Autobahnen, die viel zu oft zu schweren Unfällen führen.
Wann auch immer wir auf dem Weg sind, fährt das Risiko mit. Und trotzdem machen wir uns auf den Weg – haben sich die Menschen auch früher auf den Weg gemacht. Schon die ersten Bücher der Bibel wissen in den Erzählungen von Abraham und Mose davon zu berichten. Auch angesichts von Gefahren waren sie zuversichtlich und wussten sich beschützt, behütet und umgeben von Gottes Liebe. Der feste Glaube daran, dass sie unter seiner Führung gehen, hat Menschen schon immer dazu befähigt, sich auf gefährliche Wege zu wagen. Diese Gewissheit gibt Kraft, gab sie früher und gibt sie heute.
Inzwischen hatte sich die Sonne hinter einer Wolke versteckt, so dass es recht kühl geworden war. Etwas steif stand ich auf, verabschiedete mich von der Kathedrale und kehrte zu den anderen zurück.
Als ich wieder zu Hause war, nahm ich das Buch mit den irischen Segenssprüchen abermals zur Hand und las. Einen davon möchte ich Euch und Ihnen mit auf den Weg durch den Sommer geben.
Möge das Auge Gottes auf dir ruhen,
wenn du unterwegs bist, der Fuß Christi dich leiten.
Möge die Fülle des Geistes
sich reichlich und großzügig über dich ergießen.
Gottes Frieden mit dir, Jesu Frieden mit dir,
des Geistes Frieden mit dir und deinen Kindern
an jedem Tag und in jeder Nacht unseres Lebens.
(nach: Hermann Multhaupt, Alle Tage möge die Sonne für dich scheinen. Irische Segenswünsche, Gütersloh 2004)
Ihre Vikarin
Sabine Jungkuhn
|