Liebe Leserin, lieber Leser,

Ulrike Drosteda lag sie – meine Oma, alt und dünn. Mit faltigen Händen, die mir Zärtlichkeit und Stärke gegeben hatten. Sie erkannte mich noch. Nun lag sie im Bett – meine Oma, die Wärme und Herz für viele hatte. Das Fell um die Füße konnte es nicht verhindern, dass ihre Füße wund wurden – vom Liegen. Denn aufzustehen, schaffte sie nicht mehr.
Ich dachte daran, was sie liebte: Spazieren gehen in blühender Heide. Das taten wir zusammen, als sie noch gehen konnte. Wie sehr sie sich freute! Das konnte sie gut – sich von Herzen freuen! Oder „das große Halleluja“ von Händel – gespielt von dem Posaunenchor der Stadtmission am Heiligabend in der Bahnhofshalle Hannover! Sie konnte nicht mehr dabei sein – wir brachten es ihr ans Krankenbett per Walkman. Wie sehr sie es liebte!
Und ich dachte daran, wie ich sie einmal an ihrem Ge-burtstag in Hannover besuchte, sie in mein Auto lud und mit ihr nach Bad Bramstedt fuhr. Sie wollte mit eigenen Augen sehen, wo ich lebte. Dann konnte sie es sich vorstellen, wenn sie mich in ihren Gedanken, ihren Gebeten, in ihrem Herzen begleitete. Ich zeigte ihr „meine“ Kirche… meinen Lebensort. Davon hatte sie schon lange geträumt! Am Abend brachte ich sie wieder nach Hause. An einem Tag ca. 420 Kilometer Autofahrt mit meiner „alten“, strahlenden, glücklichen Oma!
Auch als sie nicht mehr so gut zu Fuß war, nicht mehr ver-reisen konnte, wie sie es so oft und gerne in ihrem Leben getan hatte, begleitete sie ihre Lieben mit dem Finger auf der Landkarte und vor allen Dingen: mit ihrem Herzen! Was war das für eine wunderbare Kraft! Nun lag sie da im Bett, ihr Körper wurde immer schwächer. Und ich spürte auf einmal, im Sterben ist der Mensch allein. Ich hätte es meiner Oma gerne erspart, dieses Allein-Sein. Es war für mich schwer auszuhalten, es ihr nicht abnehmen zu können.
In dem Jahr erlebte ich die Andacht zur Sterbestunde am Karfreitag in unserer Maria-Magdalenen-Kirche als einen wunderbaren Trost. Auf einmal „verstand“ ich, was da in der Bibel steht: Jesus rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Diese Erfahrung des Allein-Seins im Sterben gehört zum Menschsein dazu. Das Gefühl, allein zu sein – das „Allein Sein“ aushalten müssen – hat Jesus erlebt. Dieses Gefühl, diese Erfahrung ist in der Bibel, in den Geschichten unseres Glaubens „aufgehoben“ – und damit auch das Allein-Sein meiner Oma – das Allein-Sein eines sterbenden Men-schen. Gott weiß darum. Gott ist im Aushalten. Gott ist im Sterben. Gott ist danach.
Vor dem Auferstehen, vor Ostern, steht die Erfahrung des Allein-Seins, Karfreitag. Welch ein Trost, damit nicht allein zu sein!
Und Ostern? Ich erlebe: meine Oma lebt weiter – in mir – in meiner Erinnerung – in den Erinnerungen und Herzen vieler Menschen – in dem, was sie an Lebensweisheit, Lebenszugewandtheit und Liebe geschenkt, was sie gesät hat – was in uns und durch uns lebendig bleibt, sich weiterverschenkt und weiterstrahlt. Diese Herzenswärme und Liebe hat sich in mir in eine Lebens- und Hoffnungskraft verwandelt, die nicht vergeht, die mich stärkt und trägt, auch wenn ich nicht weiter weiß.
Jesus hat gesagt, er wird immer bei uns sein. Anders. Nicht so, dass wir ihn sehen oder berühren können. Mit der Kraft und der Liebe, die uns im Leben trägt: „Ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt!“ Welch eine Liebeserklärung!
Ihre / Eure
Ulrike Droste
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