
Rainer Rahlmeier (Foto: K. Ahlschwede) Weit geht der Blick übers Meer, hoch ragen die Felsen aus dem Wasser, und der Wind bringt den Geruch und den Geschmack der See. Endlich Urlaub! Sommer, Sonne, Sonnenschein: Ob auf Bali oder auf dem heimischen Balkon, ob Hallig Hooge oder Hurghada, ob Dänischenhagen oder Dominikanische Republik – alle freuen sich auf freie Zeit, auf Ziele in der Nähe oder in der Ferne. Am Freitag beginnen die Sommerferien, das große Ausatmen auf der Höhe des Jahres. Reisevorbereitungen, Kofferpacken und Reisefieber gehören dazu. Die Erwartungen sind groß. Alles soll schön werden, nicht nur das Wetter, auch diese Zeit mit der Familie, mit den Freunden.
Aber das gelingt nicht immer. Eine Konfirmandin: „Sonst machen immer alle bei uns ihr eigenes Ding und auf einmal machen wir auf Familie. Das ist ziemlich anstrengend. Unser Vater ist sonst fast nie da, und auf einmal will er alles bestimmen und meckert dauernd an mir her-um.“ Die Zeit, die eigentlich die schönste des Jahres sein soll, ist auch geprägt von Fremdheit. Und das gilt nicht nur, weil man tatsächlich in der Fremde ist, sondern weil es Zeit braucht, die Fremdheit untereinander zu überwinden, sich neu aufeinander einzustellen, um sich nahe zu kommen. Urlaub muss man lernen. Wie schafft man diesen Übergang vom Alltag in den Urlaub? Wie erfüllen sich die Erwartungen, so dass am Ende alle sagen: „Mensch, das war schön!“
Meine Großeltern haben in ihrem Leben zweimal Urlaub gemacht, als sie schon ziemlich alt waren, im Schwarzwald und Jahre später im Harz. Eigentlich wuss-ten sie gar nicht, wie man Urlaub macht. Als sie selbst Kinder waren, erzählte man sich, dass andere in die „Sommerfrische“ fuhren, irgendwohin an die See. Urlaub für viele, das begann in unserem Land vor 50 Jahren. An-fangs waren das abenteuerliche Fahrten im VW Käfer oder im Lloyd bis nach Italien! Heute ist das Angebot kaum zu überschauen. Und es bleibt die Frage: Was brauche ich, um mich wirklich zu erholen? Scampi oder Salzkartoffeln, Ruhe und gute Luft oder Action und Party?
Das Wort Ferien stammt aus dem Lateinischen; es kommt aus der Rechtsprechung und bezeichnet die Tage, an denen keine Gerichtssitzungen abgehalten wurden. Urlaub hingegen ist der alt- und mittelhochdeutschen Sprache entlehnt und meint ganz allgemein Erlaubnis. Unsere Vorstellungen von Urlaub, Ferien und Reisen kommen in der Bibel so nicht vor. Der siebte Tag jedoch, der Sabbat, ist Gottes Erlaubnis an die Menschen, die gewohnten Ab-läufe zu unterbrechen, Atem zu holen und sich diese Zeit zu nehmen. Jesus, der Menschenfreund, zieht sich zurück, um allein zu sein. Vielleicht ist dies ein wichtiger Hinweis auf das, was Urlaub in erster Linie sein kann: eine Unter-brechung der alltäglichen Abläufe, so dass wir wieder frei werden, auf das zu schauen, was wesentlich ist. Urlaub als Erlaubnis – so kann der Blick sich weiten.
Ich wünsche Ihnen und Euch eine gute Zeit.
Ihr
Rainer Rahlmeier
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