Liebe Leserin, lieber Leser,

Vikarin Antje Eddelbüttel das Storchennest, auf das ich von meinem Schreibtisch aus schaue, ist wieder leer. Das rege Kommen und Gehen (na ja, eher Fliegen) und das Klappern zur Begrüßung werden mir fehlen. Das verwaiste Storchennest ist nur ein Zeichen, dass der Sommer jetzt wirklich zu Ende geht. Der Herbst ist für mich eine widersprüchliche Jahreszeit. Ich kann mich freuen an den letzten sonnigen Tagen, den bunten Blättern und den gemütlichen Abenden, die nun immer früher beginnen. Ich werde aber auch etwas wehmütig. Ist es wirklich schon wieder Oktober? Wo ist denn der Sommer hin? Diese Wehmut drückt Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht ‚Herbsttag’ aus. Im Oktober und November gibt es eine ganze Anzahl von besonderen Tagen und Zeiten: den Buß- und Bettag, den Reformationstag und den Toten- oder Ewigkeitssonntag, mit dem uns die Endlichkeit und Kostbarkeit des Lebens in Erinnerung gerufen wird. In diesen ersten Herbsttagen feiern wir in der Kirche auch das Erntedankfest. Es ist das einzige kirchliche Fest, das sich auf das Naturjahr bezieht. Es stammt aus einer bäuerlichen Kultur, in der die Menschen mit den Jahreszeiten leben. Ob die Ernte gut ist oder schlecht, das hängt nicht nur von der Arbeit der Menschen ab, sondern auch davon, ob Wind und Wetter es dieses Jahr gut gemeint haben. Zum Erntedankfest bringt man die Früchte seiner Arbeit in die Kirche, um Dank zu sagen für das, was gut geworden ist in diesem Jahr. Auch für diejenigen, die es in ihrem täglichen Leben nicht mehr unmittelbar zu tun haben mit den Jahreszeiten der Natur, ist dieses Fest eine Gelegenheit, einmal innezuhalten und Bilanz zu ziehen: Wofür kann ich dankbar sein? Was ist mir Gutes geschehen, im Kleinen und im Großen? Wo konnte ich etwas ernten? Gleichzeitig werden wir daran erinnert, dass wir nicht alles selbst in der Hand haben. Der Bauer stellt den Weizen nicht her, sondern er bringt den Samen in die Erde und unterstützt ihn beim Wachsen, aber das Wachsen geschieht doch von selbst. Das Leben kann man nicht produzieren und nicht kaufen, man kann es sich nur schenken lassen und erleben. Danken heißt, das geschenkte Leben anzunehmen und sorgsam damit umzugehen. Danken lenkt unseren Blick zuerst in die Vergangenheit; auf das, was war. Es lenkt unseren Blick aber auch auf den, der das Leben geschaffen hat; auf den, von dem wir alles erwarten können. Sein Segen ist es, der unsere Saat aufgehen lässt. Ich wünsche Ihnen eine gute Herbstzeit, eine Zeit für das Leben, für das Miteinander, für die Anstrengung und für die Freude an der Ernte.
Ihre
Antje Eddelbüttel
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