Liebe Leserin, lieber Leser,

Pastor Rainer Rahlmeier
Rundballen. In den letzten Wochen lagen sie auf den Feldern. Sicheres Zeichen dafür, dass die Ernte nun bald zu Ende ist. Früher gab es keine Rundballen. Die Älteren von Ihnen können sich daran erinnern, wie man Stroh geschnitten und dann zu Garben aufgestellt hat. Dazu brauchte es viele Hände. Danach kamen Pressen zum Einsatz, die Strohballen aus einem gebogenen Schacht auswarfen. Die konnte ein Mann mit der Forke auf den Wagen laden, den der Trecker zog. Zwei Leute bewältigten die Ernte. Heute sorgen Rundballenpresse dafür, dass Heu oder Gras in großem Umfang schnell geerntet werden können. Der Computer im Trecker zeigt den aktuellen Füllstand der Presse an. Zum Schluss werden die riesigen Ballen vollautomatisch mit einem Netz oder ganz in Plastik eingebunden und ausgeworfen. Die größeren Ballen haben einen Durchmesser von 1,80 Meter und wiegen 300 Kilogramm, so dass es wiederum spezieller Vorrichtungen bedarf, um sie zu bewegen und zu stapeln. All das schafft ein Mann. Die Rundballen auf den Feldern verwandeln die Landschaft in große Kunstwerke. Aufgeschichtet, bemalt und mit Kleidung versehen, werben sie als Strohfiguren am Straßenrand für Sonnenblumen, Stoppelfeten und Sonderangebote. "Die Ernt ist nun zu Ende", singt ein altes Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch. Der Rhythmus des Liedes ist tänzerisch: Ausdruck der Freude über eine Ernte, die genug zum Leben verheißt. Die Erntebilder dieses Jahres sind mit den Erinnerungen an die bisherigen 101 BSE-Fälle und an die Maul- und Klauenseuche belastet. Aus der anfänglichen Verunsicherung der Landwirte ist existentielle Angst geworden. Viele fragen sich: "Was wird aus unserem Betrieb, wenn bei einem Tier ein positiver Befund festgestellt wird?" Auf dem Höhepunkt der Krise, als das Rindfleisch fast aus den Verkaufstresen verschwunden war, hat mich die Bemerkung einer Frau nachdenklich gemacht, die sagte: "Jetzt regen sich alle auf und haben Angst. Was haben wir damals in der schlechten Zeit nicht alles gegessen, bloß weil wir Hunger hatten!" Wir leben in einer Zeit, in der es - jedenfalls bei uns - nicht fraglich ist, ob wir für das kommende Jahr genug zum Leben haben werden. Wir leben jedoch in einer Zeit, in der sich viele Sorgen machen: "Wie gesund sind die Lebensmittel, die wir essen?" Die Rundballen werden in diesen Tagen eingefahren. Bei der Fahrt durch die Felder habe ich mich an ihnen gefreut. Die Unsicherheit der Landwirte wird noch bleiben genauso wie unsere Unsicherheit, wenn wir jeden Tag entscheiden müssen, welche Lebensmittel wir essen. Dennoch: Die Rundballen sind ein Zeichen dafür, dass die Arbeit getan ist. Wir werden leben. Wir sind eingeladen, in das tänzerische Lied einzustimmen: "Die Ernt ist nun zu Ende."
Ihr
Rainer Rahlmeier
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